Handwerk des Lernens (8 Videos)
Handwerk des Lernens. Kamera-Ethnographische Studien zur verborgenen Kreativität im Klassenzimmer.
Der Alltag jugendlicher Schülerinnen und Schüler ist Dreh- und Angelpunkt der kamera-ethnographischen Studien einer JÜL-Klasse (Jahrgänge 4, 5 und 6 einer Grundschule) in Berlin Wedding: Die 11 kurzen Videos befassen sich mit den alltäglichen Praktiken der Schülerseite im Umgang mit Lernsituationen, Unterrichtsritualen und materiellen Arrangements im Klassenzimmer. Indem die Kamera insbesondere auf die Hände der Schülerinnen und Schüler fokussiert, rückt mit dem „Hand-Werk“ die überaus faszinierende Mikro-Interaktion von Kindern in den Blick, die – obgleich die Klasse statistisch einer „Brennpunktschule“ zuzuordnen ist – vorführen, wie es sich Hand in Hand arbeiten lässt. Begleitend zu den Videos bietet die DVD kommentierende Texte aus unterschiedlichen Perspektiven an: ethnographische Lernforschung, angewandte Pädagogik und Mikroanalyse der Interaktion. Beim Drehen wurden Beobachtungen in fokussierte Videobilder übersetzt und anschließend durch digitalen Schnitt interpretativ verdichtet. Die Kreativität und visuelle Ausdruckskraft eines solchen Kameragebrauchs ist in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften noch wenig erprobt. Kamera-Ethnographie hat ein „dichtes Zeigen“ zum Ziel und erweitert in methodisch innovativer Weise den forschenden Zugang zu schulischen Lebenswelten. Jürgen Streeck befasst sich in seinem Text „Hände, Handeln, Händel“ anhand von Szenen der Videos mit dem Tun der Hände und der Beschaffenheit der Dinge. Er nimmt dabei eine mikroanalytische Perspektive auf die Entfaltung von Interaktion ein.
Handwerk des Lernens
Die Videos sind erschienen auf der DVD “Handwerk des Lernens. Kamera-Ethnographische Studien zur verborgenen Kreativität im Klassenzimmer.” (IWF-Wissen und Medien gGmbH 2007, Vertrieb: IVE Institut für Visuelle Ethnographie, info@ive-shop.de). Neben den kurzen kamera-ethnographischen Studien enthalten die Videos ein Angebot unterschiedlicher Kommentarperspektiven:
• Kommentare aus der ethnographischen Lernforschung (Jutta Wiesemann)
• Kommentare aus der Unterrichtspraxis in der untersuchten Klasse (Heike Schreyer)
• Ausführlicher Kommentar im separaten Text “Hände, Handeln, Händel” (Jürgen Streeck), eine mikroanalytische Betrachtung von Interaktion.
Die Vorstellung, es gäbe das eine passende Wort zum Bild, kann getrost zu den Akten gelegt werden. Wie jede Kamera-Einstellung beim Drehen, ist später auch im Umgang mit dem Videomaterial das Reden und Schreiben eine Angelegenheit mit Perspektive: Von wo aus blicke ich wohin? Dieser unentrinnbare Aspekt jeder Thematisierung macht die Versuche, Videomaterial durch Transkription in einem kompletten Sinne zu erfassen, zu einem aussichtslosen Unterfangen, denn transkribiert werden können immer nur ausgewählte Aspekte. Audio-visuelles Forschen eröffnet daher ein schier unendliches Versuchsfeld der Entwicklung, Erprobung und Reflexion relevanter Perspektiven.
Im Kontext der Kamera-Ethnographie wird die zwangsläufige Selektivität von Blick und Wort zu einer Chance des Wahrnehmens und Zeigens. Jede einzelne Unterrichtsstunde bietet Selektionschancen, die mit einer ethnographisch beobachtenden Kameraführung genutzt werden können. Da soziale Situationen höchst komplex sind, können weder Menschen noch Kameras sie jemals total überblicken oder vollständig erfassen. Sie sind unübersichtlich.
Mit einer Kamera lassen sich Blickschneisen durch das „Dickicht“ der Situation schlagen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Situation wird erkundet, abbilden lässt sie sich nicht. Die Kunst des Sehens und Zeigens ist immer auch eine Kunst des Weglassens und nicht Zeigens. Ethnographisches Forschen ist als ein Prozess angelegt, der sich zwischen noch nicht Gewusstem und neuen Wissensaspekten aufspannt (siehe Amann und Hirschauer 1997 und Griesecke 2001). Es geht um Bewegung im Kopf. Kamera-Ethnographische Studien haben einen hybriden Charakter: Sie stellen etwas fest und lösen doch etwas aus. Es lohnt sich, den Gebrauch einer Kamera einmal nicht vorrangig vom Festhalten sondern von Suchbewegungen aus zu denken: Es geht um Blickentwürfe. Aufgrund der intensiven Arbeit am Blick taugt Kamera-Ethnographie dazu, das Sehen selbst voranzutreiben und dabei ein dichtes Zeigen überhaupt erst zu ermöglichen (siehe Mohn 2002, 2008). Wie beim Drehen sind es auch beim Sichten und Schneiden des Materials selektive Strategien, die einen forschenden Blick ausmachen. Welche Antworten auf welche Fragen sind an diesen Bildern möglich? Das Material wird zerlegt, befragt, Videosequenzen zugeschnitten und versuchsweise arrangiert, beobachtet, verworfen. Interpretative Rahmen und Theorien werden erprobt.
Die beobachtenden Videosequenzen erweisen sich als ideale Ausgangspunkte für daran anknüpfendes Reden, Schreiben und Denken. Gerade weil sich Worte von Bildern unterscheiden liefert der Versuch, vor dem Video-Monitor Texte zu schreiben ein Evokationspotential: Die Suche nach Worten schärft das Erblicken der Bilder, die ihrerseits Wortfindungen hervorlocken. Die Worte der Forschenden vor dem Videomonitor bewegen sich mal an Bildoberflächen, mal durchs Bild hindurch in abwesende Situationen und mal entfernen sie sich auch von den Bildern, umkreisen sie aus großem Abstand oder fliegen schlichtweg davon. Selbst die Kamerablicke auf einzelne Hände lassen noch Raum für die verschiedensten Erkundungen, dies legen auch die Texte und Kommentare dieser DVD nahe. Bildfolgen setzen und Sätze bilden – zwei mediale Praktiken, deren Differenz und intermediales Potential verspielt würde, wenn man sie in eindimensionale Abbildungsbeziehungen zueinander zwingt oder versucht, die Dinge ein für allemal fest zu stellen. Der Entwurf interessanter Blicke und die Entdeckung spannender Aspekte des Feldes reifen stets aneinander (siehe auch Mohn und Amann 2006, DVD „Lernkörper“).
Dabei erhöht sich die Chance, etwas sehen und verstehen zu lernen, was zuvor noch nicht im Blick war und folglich auch in keinerlei Drehbuch oder Forschungsleitfaden hätte stehen können. Da es sich um Blickentwürfe handelt, nicht um ‚Mitschnitte‘, haben es kamera-ethnographische Video-Sequenzen niemals in einem ‚reinen‘ Sinne mit Daten zu tun, die weitere Arbeit am Material nicht in einem objektiven Sinn mit Auswertung. Anstelle eines Zweiphasenmodells der klaren Trennung in Daten hier und Analysen dort tritt die kontinuierliche Arbeit an materialisierten Blickspuren und den daraus erwachsenden Sichtweisen. Das Sehen und Forschen entwickelt sich dabei zirkulär über 6-Phasen hinweg (vgl. Mohn 2010):
1. Entwurf von Blickspuren mit der Kamera
2. Versuchsanordnungen im experimentellen Arrangement der Bilder
3. Dichtes Zeigen erarbeiteter Sichtweisen
4. Rezeption des Gezeigten
5. Reflektion von Medialität, Methodologie, Gezeigtem und nicht Gezeigtem
6. Anwendung als Laborphase der Praxisgestaltung
Der Alltag von Schülerinnen und Schülern ist Dreh- und Angelpunkt der kamera-ethnographischen Studien einer JÜL-Klasse (Jahrgänge 4, 5, und 6 einer Grundschule) in Berlin Wedding: Die kurzen Videos befassen sich mit den alltäglichen Praktiken der Schülerseite im Umgang mit Lernsituationen, Unterrichtsritualen und materiellen Arrangements im Klassenzimmer. Begleitend zu den Videos bietet die DVD kommentierende Texte aus unterschiedlichen Perspektiven an: ethnografiphische Lernforschung, angewandte Pädagogik und Mikroanalyse der Interaktion.
Übersicht:
1. Einführung “Aufs Handwerk gucken”
1.1. Die Klasse
1.2. Aufs Handwerk gucken
Der erste “Vorfilm” stellt die Klasse vor. Wir befinden uns in der Rudolf Wissell Schule in Berlin Wedding und hier in einer sogenannten “JÜL-Gruppe” (Jahrgangsübergreifende Lerngruppe), die in Berlin als Modell von der GEW gefördert wurde. In dieser Klasse sind die Kinder von der vierten bis zur sechsten Klasse gemischt.
Das zweite Video, “Aufs Handwerk gucken”, ermöglicht – wie in einer Blickschule – , eigene Erfahrungen mit dem Beobachten der Hände zu machen. Was sehen wir, wenn wir auf die Hände der Kinder blicken, die ihren alltäglichen Beschäftigungen als Schülerinnen und Schüler nachgehen?
2. Interaktionsspiele mit Dingen
2.1. Pferdchen im Morgenkreis
2.2. Fotos, Gegenverkehr im Kreis
2.3. Trennwände
Ein Stofftier kreist durch die Schülergruppe, Fotos wandern von Hand zu Hand, eine Klangschale wird angeschlagen, Jogamatten vorübergehend auf Schülertischen installiert. Eingebettet in einen durch die Lehrerin arrangierten Tagesablauf sind dies Objekte mit pädagogischer Bedeutung. Erkennen die Schülerinnen und Schüler diesen Sinn? Respektieren und nutzen sie die Dinge „bedeutungsgemäß“? Wir beobachten dazu zweierlei: Zum einen werden die Gegenstände im Geschehen zu „Spielzeug“ verschiedenster Situationsvarianten. Dabei können die Objekte sehr unterschiedliche – teils konträre – Bedeutungen annehmen. Zum anderen kann es zu Konflikten führen, wenn nicht zumindest „im Prinzip“ für bestimmte Situationen eine Passung zwischen pädagogischer Intention, dem Gebrauch und der Deutung der Dinge durch die Kinder hergestellt werden kann. Es wird klar, dass an den Dingen des Unterrichts ihre pädagogische oder fachdidaktische Intention weder einfach ablesbar ist, noch als der einzige Sinn ihres Gebrauchs angesehen werden kann. Die Filme zeigen Kinder, die den Sinn der Dinge erforschen und erschaffen, indem sie mit ihnen ihre Lernsituationen kreativ ausgestalten.
3. Lernszenen mit Papier
3.1. Lehrerin-Schülerin spielen
3.2. Lehrer-Schüler werden
3.3. Hand in Hand. Verkehrsquiz im Trio
Schulisches Lernen nimmt ständig Bezug auf niedergeschriebene Texte. Im Unterricht zeigen sie sich in unterschiedlichsten Materialisierungen: Bücher, Arbeitsblätter, Tafelanschriebe, Hefte, Karteikarten und andere Aufschriebe. Als professionell auf’s Papier Gebrachtes – in Form didaktisch gestalteten Materials – oder als von Schülerhänden Gefertigtes sind sie in elementarer Weise schulische Lern-Mittel. In den ‚Lernszenen mit Papier’ steht die Handhabung dieser privilegierten Lernmittel im Vordergrund. Die alltägliche Hand-Arbeit mit und an ihnen erscheint so selbstverständlich, dass sie kaum eines pädagogischen Blickes gewürdigt wird. Was können wir aber beobachten, wenn wir einmal genauer auf diese Handarbeit schauen? Wie wird mit den didaktischen Materialien hantiert? Wie entstehen die papierenen Produkte der Schülerinnen und Schüler? Welcher – auch kreativer – Gebrauch wird von ihnen gemacht? Wie meistern die Schülerinnen und Schüler ihren Schulalltag zwischen Büchern, Arbeitsblättern und Karteikarten? Wie werden diese Lern-Mittel als materiale Objekte in der Gestaltung des Lernprozesses genutzt? Oder auch: Wie kann man sich ihrer und den mit ihnen verbundenen Zwängen entledigen?
Literatur
Amann, Klaus und Stefan Hirschauer (Hg.) 1997: Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Berg, Eberhard und Martin Fuchs 1993: Phänomenologie der Differenz. Reflexionsstufen ethnographischer Repräsentation, in: Eberhard Berg/Martin Fuchs (Hg.), Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 11-108.
Geertz, Clifford 1983/1987: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ders. 1988: Works and Lives. The Anthropologist as Author. Stanford: Polity Press. Übersetzt 1990: Die Künstlichen Wilden. Anthropologen als Schriftsteller. München, Wien: Hanser.
Griesecke, Birgit 2001: Japan dicht beschreiben. Produktive Fiktionalität in der ethnographischen Forschung. München: Fink
Griesecke, Birgit 2005a: Essayismus als versuchendes Schreiben. Musil, Emerson und Wittgenstein, in: Wolfgang Braungart/ Kai Kauffmann(Hg.), Essayismus um 1900, Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 157-175.
Griesecke, Birgit 2005b: Am Beispiel ›Versuch‹. Warum Wittgensteins Philosophie die Kulturgeschichte der Wissenschaften herausfordern kann, in: Sigrid Weigel/ Karlheinz Barck (Hg.), „fülle der combination“, Literaturforschung und Wissenschaftsgeschichte, Reihe Trajekte, München: Wilhelm Fink Verlag, 267-291.
Hirschauer, Stefan 2001: Ethnographisches Schreiben und die Schweigsamkeit des Sozialen. Zu einer Methodologie der Beschreibung. Zeitschrift für Soziologie, 30, 6, 429-451.
Mohn, Bina Elisabeth und Klaus Amann 2006: Lernkörper. Kamera-Ethnographische Studien zum Schülerjob (Video-DVD), Göttingen: IWF Wissen und Medien gGmbH.
Mohn, Bina Elisabeth und Klaus Amann 1998: Forschung mit der Kamera. In: Anthropolitan: Visuelle Anthropologie. Mitteilungsblatt der GeFKA 6, 4-20
Mohn, Bina Elisabeth 2010: Zwischen Blicken und Worten: kamera-ethnographische Studien. In: G. Schäfer und R. Staege (Hg.): Frühkindliche Lernprozesse verstehen: Ethnographische und phänomenologische Beiträge zur Bildungsforschung. Juventa, 207-231.
Mohn, Bina Elisabeth 2008: Die Kunst des dichten Zeigens: Aus der Praxis kamera-ethnographischer Blickentwürfe. In: B. Binder, D. Neuland-Kitzerow und K. Noack (Hg.): Kunst und Ethnographie: Zum Verhältnis von visueller Kultur und ethnographischem Arbeiten. Berliner Blätter 46/2008, LIT Verlag, 61-72 (Text steht unter www.kamera-ethnographie.de zur Verfügung).
Mohn, Bina Elisabeth 2002: Filming Culture. Spielarten des Dokumentierens nach der Repräsentationskrise. Stuttgart: Lucius& Lucius.
Mohn, Bina Elisabeth und Jutta Wiesemann 2007: Handwerk des Lernens. Kamera-Ethnographische Studien zur verborgenen Kreativität im Klassenzimmer (Video-DVD), Göttingen: IVE Institut für Visuelle Ethnographie (Verlag/Vertrieb)
Wiesemann, Jutta 2010: Ethnographie (machen) mit Kindern. Die Beobachtung der Beobachter. In: Cloos, P./ Heinzel, F./ Thole, W. (2009) (Hrsg.): Auf unsicherem Terrain. Ethnographische Forschung im Kontext des Bildungs- und Sozialwesens. Wiesbaden. S.143-151.
Wiesemann, Jutta 2009: “Kinder als Akteure” von Unterricht – Konsequenzen für eine pädagogische Lernforschung. In: Deckert-Peaceman, Heike/ de Boer, Heike (2009) (Hrsg.): Kinder in der Schule. Zwischen Gleichaltrigenkultur und schulischer Ordnung. Wiesbaden, 2009, S.177-192.
Wiesemann, Jutta 2009: “Handwerk des Lernens”. Zum kulturellen Selbstverständnis schulischen Lernens im Sachunterricht. In: Giest, Hartmut/ Lauterbach, Roland/ Marquart-Mau, Brunhilde: Lernen und kindliche Entwicklung – Elementarbildung und Sachunterricht. Bad Heilbrunn, 2009. S. 269-276.

